Eine Interpretation ist

Die Erkenntnis hatte ich in der Uni. Ich saß in einem Germanistik Seminar bei Prof. Dr. Conrad, einem sehr beliebten Dozenten mit Schwerpunkt DDR-Literatur, und lebten wir in einer besseren Welt, hätte für einen kurzen Moment eine Glühbirne über meinem Kopf geleuchtet. Eine Art „Erkenntnis-Alarm“. Was ich in diesem Moment feststellte, war eigentlich etwas sehr banales: Ich hatte Recht. Ja, ich hatte schon die ganze verdammte Zeit Recht und hatte mir doch so viele Sorgen gemacht. Worum ging es? Wir interpretierten irgendein Brecht-Gedicht, weil wir saßen in einem Brecht-Seminar also machte das durchaus Sinn, und der Prof fragte in die Runde,  was unser Ersteindruck von diesem Gedicht sei. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Titel des Gedichts, irgendwas mit Prostituierten und Arbeitern, könnte de facto also JEDES Brecht-Gedicht sein. Also jedenfalls, forderte er uns heraus im Folgenden nach den Ursachen unseres Ersteindrucks zu fahnden. Ganz klassisch: Bisschen Formanalyse, bisschen Semantik, Versschemata und so weiter. Es stellte sich heraus, dass sich der Ersteindruck in der Form des Gedichts wiederspiegelte. Also in diesem Sinne, dass ich das Gedicht „traurig“ fand und nach einer Analyse konnte ich sagen, warum ich es traurig fand! Es klingt vielleicht banal, für mich war es revolutionär. Hatte ich doch jahrzentelang in der Schule gelernt, genau anders herum ranzugehen. Erst die Form, der Inhalt, alles checken und DANN die Interpretation. „Belege, Sie brauchen BELEGE!“ schrie meine verzweifelte Deutschlehrerin gerne in den Raum. Ich hatte also gelernt, nach Auffälligkeiten zu suchen, semantische Felder abzuklappern und ähnliches. Nie hatte ich gelernt, einfach auf mein Gefühl, meinen ersten Eindruck zu vertrauen.

Dieser erste Eindruck ist natürlich etwas höchst Subjektives  – wenn man in einer Welt von ausschließlicher Subjektivität überhaupt von etwas *höchst* Subjektivem sprechen kann – und unter uns Studenten und Studentinnen gab es natürlich Unterschiede hinsichtlich des ersten Eindrucks. Aber doch nicht so stark, wie man meinen könnte. Ein Gedicht, oder sagen wir es allgemeiner, ein Text löst bestimmte Reaktionen im Leser aus, eben weil er so ist wie er ist und nicht, weil er diese eine bestimmte Intention hat. Eine Intention wäre nämlich etwas vom Autor selbst auferlegtes und das ist spätestens seit der Moderne etwas überholt. Ganz zu schweigen davon, dass der Autor in den seltensten Fällen der beste Interpret seines Werkes ist!

Das alles lässt sich bedingungslos übertragen auf die Interpretation anderer Medien. Beispielsweise Filme oder Computerspiele. Wer sagt denn, wie ich ein Spiel, einen Film oder ein Buch zu verstehen habe? Im Grunde Niemand! Ich werde es so verstehen, wie ich es verstehen will. Ich werde die Lehren und Erkenntnisse daraus ziehen, die ich sehen will und die ich sehen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Es gibt kein Richtig und es gibt kein Falsch. Das lernte die Literaturwissenschaft glücklicherweise bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Interpretieren von Videospielen ist leider in dieser Hinsicht noch nicht so weit, es erlebt die selben schwierigen Geburtsschmerzen, wie es noch beim Gedicht der Fall war. Dass das alles durch und durch konstruktivistisch ist, lernte ich übrigens erst später.

Ob mir also ein bestimmtes Werk einen gewissen „Gewinn“ bringt, ob es mir einfach Spaß macht oder ob ich es verdamme, hängt nicht davon ab, ob ich es richtig verstehe. Es ist auch ziemlich egal, was der Autor, Produzent oder Regisseur mir sagen wollte (vermutlich wenig), es kommt nur darauf an, wie ich die Dinge sehe und ob ich ansatzweise erkennen kann, warum das so ist.

Natürlich ist das Wort „Interpretation“ in Bezug auf Videospiele gewagt, aber es gibt Nichts, was dagegen sprechen würde. Ein kommerzielles Produkt  – „Die Leiden des jungen W.“ haben Goethe sicher nicht wenig eingebracht – schließt doch einen Zugewinn an Erkenntnis, Freude, Lust, whatever nicht aus! Ich kann, sofern ich möchte, ein Spiel so interpretieren wie ein Gedicht. Im besten Fall, gibt es wenig Regeln für diesen Vorgang und am Ende steht ein dickes Plus auf der Haben Seite. Dass das nicht jedem Spaß macht? Na klar! Dass man ein Spiel auch ganz einfach „nur“ konsumieren kann, wie einen Blockbuster oder einen Groschenroman? Ja bitte! Schließt das aber aus, dass andere Menschen anderes in einem Spiel, Blockbuster, Groschenroman sehen (wollen)? Auf gar keinen Fall.

Eine Interpretation ist eben einfach das: Eine Interpretation. Mit all ihrem subjektiven Einschlag und der Lust am Wort und am Erleben. Niemand kann einem subjektiven Empfinden absprechen, dass es existiert und dass es wahr ist. Es wird immer wahr sein. Vielleicht mal mehr oder mal weniger gut begründet, aber sich über eine bestimmte Interpretation zu erheben, war schon immer lächerlich.

Und wenn ich einmal groß bin, werde ich wie Prof. Dr. Conrad meine Schüler bei einer Gedichtinterpretation als aller erstes nach ihrem Ersteindruck fragen. Es macht nämlich ziemlich glücklich, zu erkennen, dass man immer Recht hat.

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Scheinprobleme

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